»EINZELNE PRODUKTE SIND NICHT MEHR IM FOKUS.«

Interview

Prof. Dr. Albert Heuberger und Dr.-Ing Bernhard Grill, Leiter des Fraunhofer IIS, zum Thema Digitalisierung.

© Foto Fraunhofer IIS/David Hartfiel

Die Institutsleiter Prof. Dr. Albert Heuberger (r.) und Dr. Bernhard Grill.

© Foto Fraunhofer IIS/David Hartfiel
© Foto Fraunhofer IIS/David Hartfiel

Stellen Sie sich Ihr en Alltag ohne Smartphone vor. Ohne E-Mails, ohne die schnellen Einkäufe im Internet. Schwer? Das dürfte den meisten Menschen so gehen: Die Digitalisierung ist aus unser er Gesellschaft kaum noch wegzudenken. Und sie wird noch weitergehen. Welche Trends hier auszumachen sind und was wir in diesem Kontext leisten können, erläutern die beiden Institutsleiter Prof. Dr. Albert Heuberger und Dr. Bernhard Grill im Gespräch mit der Redaktion.

 

Herr Professor Heuberger, bevor wir auf die Digitalisierung zu sprechen kommen, zunächst einmal eine Frage »in eigener Sache«. Bis Novem­ber 2016 haben Sie das Institut allein geleitet, nun steht Ihnen Dr. Bernhard Grill als zweiter Institutsleiter zur Seite. Wie kam es dazu?
Albert Heuberger: Geplant war dieser Schritt schon lange. Denn mit über 900 Mitarbeitenden sind wir das größte Institut der Fraunhofer-Gesellschaft. Diese Größe macht es naheliegend, die Verantwortung auf mehreren Schultern zu verteilen. Es gibt viele Entscheidungen und vor allem auch Entscheidungen mit großer Tragweite zu treffen. Bisher habe ich diese auch in Abstimmung mit unserem Leitungsteam getroffen. Und da ist es gut, wenn ich das gemeinsam mit einem Institutsleiter-Kollegen tun kann. Und nicht zuletzt hat ein Institutsleiter zahlreiche Verpflichtungen, so muss er unter anderem in der Politik, im Vorstand und in verschiede­ nen Gremien präsent sein. Wollen wir als Fraunhofer IIS eine entsprechende Außenwirkung erzielen, brauchen wir mehr Personen an der Spitze.

In der Leitungsverantwortung sind die Aufgaben klar verteilt: Dr. Bernhard Grill ist für den Bereich Audio und Medientechnologien zuständig, während ich die restlichen Bereiche und die Verwaltung abdecke. Entscheidungen, die das gesamte Institut betreffen, treffen wir gemeinsam.
 

Worauf kommt es bei der Zielsetzung für ein Institut wie das Fraunhofer IIS an?
Albert Heuberger: Als Forschungsinstitut müssen wir uns immer wieder neu erfinden, frische Ideen angehen und den Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft begegnen. Eine der größten gesellschaftlichen Veränderungen derzeit ist mit Sicherheit die Digitalisierung. Es ist eine Binsenweis­heit, dass die Digitalisierung in allen Lebensbereichen Einzug erhält. Nehmen wir den privaten Bereich: Auf dem Smart­phone hören wir digitale Musik, halten schöne Momente in digitalen Schnappschüssen fest, kommunizieren auf digitale Weise mit Geschäftspartnern, Freunden und Familie. In unserer Informationsgesellschaft gibt es einen Trend weg vom Analogen, hin zum Digitalen.

Dieser Wandel steht ebenfalls in der Industrie an – auch wenn er sich hier wesentlich langsamer vollzieht. Man spricht dabei von »Digitaler Transformation« oder Industrie 4.0: In ihr sollen die Produktionsanlagen intelligent werden, mit­ einander kommunizieren, und die Fertigung somit effizienter und flexibler werden lassen.


»VERSCHLAFEN DIE DEUTSCHEN FIRMEN DIE DIGITALISIERUNG, KÖNNEN SIE AUF DAUER NICHT MEHR KONKURRENZFÄHIG SEIN.«
 

Woran liegt es, dass der Wandel hin zur Digitali­sierung in der Industrie nicht ähnlich rasant verläuft wie im privaten Bereich?
Albert Heuberger: Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Meist hapert es daran, dass der wirtschaftliche Nutzen für die verantwortlichen Manager nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Es ist daher durchaus verständlich, dass die Unternehmen zunächst zurückhaltend reagieren. Schließlich möchte niemand einen vernünftig gut laufenden oder gar florierenden Zweig abschneiden. Anders gesagt: Der Nutzen eines neuen Geschäftsmodells muss erst einmal verstanden und auch in Zahlen abbildbar sein. Doch die Zeit drängt: Verschlafen die deutschen Firmen die Digitalisierung, können sie auf Dauer nicht mehr konkurrenzfähig sein.

Hier haken wir ein: Gemeinsam mit unseren Kunden treiben wir die Entwicklung der nötigen Basistechnologien weiter voran und realisieren neue Anwendungsbeispiele. Dabei decken wir die gesamte Kette von der Basistechnologie bis hin zur Anwendung ab. Wir berücksichtigen zum einen die technologischen Fragestellungen. Zum anderen betrachten wir die betriebswirtschaftlichen Aspekte. In unserer Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS erforschen wir unter anderem, welche neuen Geschäftsmodelle die Digitalisierung mit sich bringt und wie eine erfolgreiche Transformation in den Unternehmen gelingen kann. Der Trend geht dabei zur Systeminnovation – einzelne Produkte sind nicht mehr im Fokus. Bis dato ist jedoch noch nicht klar, welche Modelle sich durchsetzen. Denn das Interessante an Revolutionen ist ja, dass sie oftmals unerwartet kommen.
 

»DIE DIGITALISIERUNG IN DER PRODUKTION UND DIE NEUEN SERVICES UND GESCHÄFTSMODELLE WERDEN SICH DURCHSETZEN WIE DAS AUTOFAHREN.«


Bernhard Grill
: Sowohl in der Heimautomatisierung als auch in der Fertigung ist die Digitalisierung noch relativ neu. Ich sehe hier eine Analogie zum Autofahren: In den frühen Anfängen haben sich lediglich Technikbegeisterte für diese neumodische Fortbewegung interessiert. Es dauerte seine Zeit, bis sich das Autofahren flächendeckend durchgesetzt hat. Was die Digitalisierung angeht, so befinden wir uns momentan noch in einem ähnlich frühen Stadium. Doch ich bin mir sicher, dass sich die Digitalisierung in der Produktion und die neuen Services und Geschäftsmodelle, die damit einhergehen, ebenso durchsetzen werden wie das Autofah­ren. Auch in der Heimautomatisierung sehe ich in puncto Digitalisierung noch viel Potenzial, wenn wir etwa in Rich­tung der intelligenten Wohnungen denken. Es braucht ein­fach seine Zeit, bis neue Ideen »Fuß fassen«. Doch bei aller Zurückhaltung dem Neuen gegenüber: Es ist wichtig für Deutschland, hier nicht den Anschluss zu verlieren.
 

Herr Dr. Grill, Sie sind als Institutsleiter für den Bereich Audio und Medientechnologien verant­ wortlich. Wo sind hier die Haupttrends hinsicht­lich der Digitalisierung zu verorten? Wohin geht die Reise?
Bernhard Grill: Den ersten Meilenstein hinsichtlich der Digitalisierung haben wir mit unserem digitalen Musik­ format mp3 gelegt. Mittlerweile ist die Bezeichnung mp3 zu einem Gattungsbegriff für digitale Musik geworden, ähn­lich wie Tempo oder Tesa. Inzwischen haben wir bereits die fünfte und sechste Nachfolgegeneration auf den Markt gebracht.

MPEG-H Audio bringt 3D-Klang ins Fernsehen und erlaubt die Anpassung des TV-Audiomixes durch den Zuschauer. Und mit EVS haben wir einen neuen Kommunikationscodec maßgeblich mitentwickelt, der die Sprachqualität von Handygesprächen deutlich verbessert und zum Beispiel in Deutschland bereits von Vodafone eingesetzt wird. Unser Bereich hat immer die beste Technologie auf dem Gebiet der Audiocodierung geliefert – wir sind in 25 Jahren nie in einem technischen Vergleichstest geschlagen worden. Das ist unser Markenzeichen, das hat uns nach vorn gebracht. Und diesem Markenzeichen werden wir auch weiterhin gerecht werden.
 

Gibt es weitere Bereiche, in denen die Digitalisie­rung eine Rolle spielt?
Albert Heuberger: Neben Audio und Medientechnologien sind unsere Forschungsarbeiten am Fraunhofer IIS Technolo­gien für Sensorik, Datenübertragungstechnik, intelligente Auswertung von Messdaten und die Ableitung von Schluss­ folgerungen – im Sinne von »Business Intelligence« oder »Process Intelligence«. Im weitesten Sinne kann man diese Arbeiten unter dem Begriff »kognitive Sensorik« zusammen­ fassen.

Erzeugte Messdaten werden zunehmend durch komplexe, maschinenlernbasierte Verfahren ausgewertet und in Schlussfolgerungen und Erkenntnisse umgesetzt. Die Erwei­terung unseres bisher vorhandenen Technologie-Portfolios durch kognitive Fähigkeiten hat sich in den letzten Jahren zu einer unserer Kernkompetenzen entwickelt. Derzeit arbeiten mehr als 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei uns mit diesen Methoden. In Zukunft werden wir auf die­ sem Feld noch intensiver tätig werden. Dabei spielt Digitali­sierung eine wichtige, ja sogar die zentrale Rolle.
 

Wo kann man diese Entwicklungen sinnvoll ein­ setzen? Welche Anwendungsgebiete profitieren konkret davon?
Albert Heuberger: Kognitive Sensorik spielt in vielen Berei­chen eine Rolle, zum Beispiel bei der Prüfung und Überwa­chung von Materialien oder Bauteilen, im Bereich der Bild­ auswertung oder der Erkennung von Emotionen, bei der Analyse von Messdaten in Produktionssystemen, in der Lo­gistik, bei Energienetzen, bei Sensoren für autonomes Fah­ren und bei vielem mehr. Die Funktion des klassischen »in­telligenten« Sensors wird um eine kognitive Komponente erweitert.

Durch die Digitalisierung lassen sich unzählige neue Felder und Potenziale erschließen. Mit unserer Entwicklungsarbeit leisten wir unseren Beitrag, diese Potenziale auch zu nutzen – zum Vorteil für Wirtschaft und Gesellschaft.

Herr Professor Heuberger, Herr Dr. Grill, vielen Dank für das Gespräch.