Krisenresilienz durch dezentralisierte Datenräume

Prof. Dr. Andreas Harth ist Leiter der Abteilung »Data Spaces and IoT Solutions« bei der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services des Fraunhofer IIS. Er sucht nach versteckten Daten, die Unternehmen krisenresilienter und souveräner machen, und forscht an Technologien für dezentrale Informationssysteme.

»Ich bin sozusagen ein Datenconnaisseur«, sagt Andreas Harth. Als »schön« bezeichnet der Professor für Wirtschaftsinformatik die Daten aber erst, wenn er sie aus den Altsystemen befreit hat und sie damit nutzbar und portabel sind. Die Forschungsthemen seiner Abteilung sind unter anderem (vernetzte) Datenräume und IoT-Prototyping, was für die Nutzung von Daten eine entscheidende Rolle spielt. Denn gerade in Zeiten explodierender Datenmengen sensibilisiert er Unternehmen dafür, wo bei ihnen überall noch wertvolle Daten »schlummern«, damit sie diese dann auch krisensicher nutzen können. Daten zu finden und virtuos zu nutzen, ist jetzt in den Corona-Krisenzeiten immer wichtiger geworden, da Menschen digitalisierter als vorher arbeiten. Mit mehr Arbeit vom Homeoffice aus lernen die Unternehmen, wie wichtig die Handlungsfähigkeit im Remote-Arbeitsmodus ist. Das gilt natürlich grundsätzlich für die Industrie 4.0, in der das industrielle Internet der Dinge eine wesentliche Rolle spielt: So müssen immer mehr Maschinen ins Internet (der Dinge), um Produktions- und Logistikprozesse fernüberwachen und fernsteuern zu können. Von seinem Team entwickelte Cloud- und Web-basierte Lösungen unterstützen bei der Weiterentwicklung auf digitaler Ebene und machen über die derzeitige Pandemie-Situation hinaus die IT von Unternehmen unabhängiger und damit krisenresilienter.

 

Mehrwerte durch Dezentralität und Datensouveränität

Andreas Harth setzt dafür auf dezentralisierte Systeme, bei denen Unternehmen die Kontrolle behalten. Zentrale Systeme können nachteilig werden, wenn die zentrale Komponente ausfällt. So hat sich in der Pandemiezeit (eben durch die verstärkte Arbeit im Homeoffice und im Remote-Arbeitsmodus) gezeigt, wie zentralisierte Dienste überlastet werden und zusammenbrechen können. Wie z. B. Telefonkonferenzsysteme – basierend auf zentralen Systemen –, die bei zahlreichen Unternehmen zusammengebrochen sind. Auch das hat seine Fürsprache für die resilienten dezentralen Systeme weiter befeuert – denen er noch eine weitere Bedeutungszunahme prognostiziert. Allerdings sieht Harth noch einen anderen wichtigen Stützpfeiler neben der Resilienz: Denn nicht nur resiliente, sondern eben auch souveräne Datensysteme sind wichtig. Hier setzt Harth insbesondere auf die Solid-Technologie. Sie ist ein Ansatz des Web-Erfinders Tim Berners-Lee. Solid legt Wert auf Datensouveränität, beachtet europäische Werte und ist unabhängig von den USA und von China. Damit bleiben Daten unter der Kontrolle von Privatpersonen und Unternehmen. Dennoch können Privatpersonen und Unternehmen Daten externen Partnern mit dieser Technologie zugänglich machen, müssen dabei aber die Kontrolle über ihre Daten nicht aufgeben. Harth, führender Experte der Solid-Technologie in Deutschland, bringt es auf den Punkt: »Dass die Datenhoheit beim ursprünglichen Dateneigentümer verbleibt, ist ein echter Vorteil der Technologie. Solid wird gerade in den unterschiedlichsten Branchen und Systemen erprobt und bietet viel Potenzial.«

 

Beitrag von Dr. Katja Engel

Prof. Andreas Harth

Prof. Dr. Andreas Harth ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik, insbesondere Technische Informationssysteme an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Leiter der Abteilung Data Spaces and IoT Solutions der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services des Fraunhofer IIS.

Er forscht an der Entwicklung neuer Lösungen für Datenräume und das Internet der Dinge (IoT), die es erlauben, Daten unabhängig von ihrem ursprünglichen Anwendungs- und Systembezug aufzubereiten und damit portabel zu machen. Sein Forschungsfokus liegt auf der Entwicklung von Methoden und Technologien für dezentrale Informationssysteme, z. B. im World Wide Web oder in Blockchain-Umgebungen, sowie deren Einsatz im Unternehmen. In zahlreichen Forschungsprojekten mit Industriebeteiligung hat er die Integration von Daten, z. B. mittels Technologien des Semantic Web und Linked Data, sowie das Zusammenwirken von Komponenten, z. B. mittels Prozessmodellierungssprachen, untersucht. Anwendungen dieser Methoden und Technologien finden sich im Internet der Dinge, im Web der Dinge sowie rund um das Themenfeld Industrie 4.0.

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